Kompetente Fachleute gesucht…

Für Manfred Dubach, Inhaber einer Agentur für Foto-, Grafik- und Webdesign, wird die Suche nach qualifiziertem Fachpersonal zur unfreiwilligen Odyssee. In einer Kolumne im Publisher beschreibt er seine Feststellungen. Kolumne publisher 4-2015…>>
Bei der Prüfung von Bewerbungen trat bei ihm grosse Ernüchterung auf und sein Fazit ist vernichtend: «Es ist erschreckend, wie mässig so genannte Fachleute ausgebildet sind. Ein Polygraf, ausgebildet in einer Druckerei, ist in einer Kommunikations- oder Werbeagentur mit seinem spärlichen fachlichen Rucksäckli oft kaum einsetzbar.» Ein «tragfähiges Wissensfundament» ist offenbar nicht vorhanden und er fragt sich «Was taugen die Ausbildungskonzepte dieser Branchen wirklich?» und «Wer oder was ist schuld daran?»
Was stimmt nicht in der Ausbildung der Polygrafinnen und Polygrafen?
Manfred Dubach ist nicht allein mit seiner Kritik. Erfahrungen in der höheren Berufsbildung zeigen ein ähnliches Bild. Die Ursachen und Gründe dafür sind aus meiner Sicht vielschichtig. Nur soviel vorweg, es liegt klar nicht an den Ausbildungsverantwortlichen in den Betrieben, den Berufsschullehrpersonen und den Inhalten der Lehrmittel und auch nicht an mangelnder Intelligenz bzw. ungenügendem Leistungsvermögen der jungen Lernden. Was stimmt denn da nun wirklich nicht? Für mich sind zwei Gründe dafür ausschlaggebend.
1. Ungenügende Vernetzung von Theorie und Praxis!
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Theorie und Praxis greifen nicht ineinander
Die in der Bildungsverordnung für die Polygrafinnen und Polygrafen festgelegten Handlungskompetenzen können von vielen Ausbildungsbetrieben, je nach Ausrichtung, nur teilweise abgedeckt werden. Wie sollen sich Auzubildende berufliche Handlungskompetenzen aneignen können, wenn sie in der Praxis nie angewendet werden? Die grösste Stärke der dualen beruflichen Bildung – die reale Vernetzung von Theorie und Praxis – geht unter diesen Voraussetzungen verloren. «Wer schwimmen lernen will, muss ins Wasser.» Mit reinen «Trockenübungen» lassen sich die hochgesteckten Leistungsziele in der Bildungsverordnung unmöglich erreichen.
2. Lernstruktur erschwert den Lernerfolg!
Nach Vorgabe des Bildungsplanes für die Polygrafie müssen in den Berufsfachschulen im ersten Ausbildungsjahr über 70% der Inhalte unterrichtet werden. Das Spektrum ist sehr vielfältig und umfasst insgesamt 26 Themenbereiche. Dazu kommen noch zwei Landessprachen und die Allgemeinbildung.
Stoffverteilung
Für den Lernprozess ungünstige Verteilung der (zu)vielen Themen
Nach nur einem Ausbildungsjahr sollen die Lernenden dann u.a. in der Lage sein, auf höchstem Anspruchniveau Print- und Screenprodukte zu gestalten, Layoutoptimierungen vorzunehmen und Texte nach allen Regeln der Typografie zu bearbeiten. Bei allem Wohlwollen, aber das kann so nicht funktionieren. Unter diesen Voraussetzungen ist ein nachhaltig vernetztes Lernen unmöglich. Diese Fülle an Themen in so kurzer Zeit sind lerntechnisch nicht «verdaubar». Ausserdem wird der Lernerfolg massiv beeinträchtigt durch die fehlende Zeit für Anwendungen/Vertiefungen und den nicht vorhandenen Bezug zur praktischen Arbeit im Betrieb.
3. Fazit
Wirkungsvollen Handlungskompetenzen können nur dann erlangt werden, wenn die theoretischen Erkenntnisse mit praktischen Anwendungen und Erfahrungen vernetzt sind. Und das ist ja wahrlich nichts Neues. Ein reines «abfüllen» von Wissen, in hochkonzentrierter Dosis, ist langfristig wirkungslos. Lernen muss kontinuierlich, aufbauend und verträglich dosiert sein. Auch das ist keine neue Erkenntnis.
Für eine zukünftig erfolgreiche Ausbildung von Polygrafinnen und Polygrafen stehen deshalb zwei Massnahmen im Vordergrund:
1. Rekrutierung von neuen Ausbildungsbetrieben, welche die Handlungskompetenzbereiche der Bildungsverordnung in der praktischen Arbeit breiter abdecken.
2. Eine verträgliche Verteilung der Lerninhalte und -ziele über die ganze Ausbildungszeit.
Autor: Fritz Maurer, Eidg. dipl. Techniker HF Polygrafie, eidg. dipl. Berufsschullehrer und Ausbildner für Bildbearbeitung, Colormanagement und Qualitätssicherung

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