Digitales Publishing digital gedacht

Bei den Swiss Publishing Days 2014 vorige Woche in Winterthur durfte ich unter dem Titel „Digitales Publishing digital gedacht“ meine derzeitigen Gedanken um den Stand des digitalen Publishings vortragen. Die Realität sieht für mich mittlerweile so aus, dass die meisten Produkte, die unter dem Label „Digital Publishing“ erscheinen, nicht wirklich digital sind. Sie sind eher Print-Produkte, die sich ins digitale verirrt haben. Sie nutzen die Vorteile digitaler Geräte nicht aus. Und sie basieren immer noch auf den Mechanismen und Philosophien des Print-Publishings.
Es ist wichtig festzustellen, dass die gesamte Gesellschaft sich in einem Paradigmenwechsel zur Digitalisierung befindet. Thomas S. Kuhn, ein amerikanischer Wissenschaftsphilosoph, hat dazu ein interessantes Modell entwickelt, wie ein Paradigmenwechsel abläuft: So schleichen sich in den Normalzustand immer mehr Anomalien ein, die den Status quo in Frage stellen. Diese Anomalien wachsen sich zur Krise aus und münden schliesslich in eine Revolution – eben dem Paradigmenwechsel.
Ein neues Paradigma anzunehmen, bedeutet, das alte komplett hinter sich zu lassen. Das haben wir im Publishing noch nicht gemacht. Schlimmer noch: Die vielen (oft schlechten) digitalen Magazine am Markt zeigen mir, das wir uns im Paradigmenwechsel zum digitalen Publishing nach wie vor im „Normalzustand“ befinden. Wir lösen die neuen Probleme immer noch mit den alten Mitteln.
Deshalb habe ich in meinem Vortrag Beispiele gezeigt, die es besser machen. Ganz bewusst habe ich voran gestellt, dass wir es hierbei mit „Anomalien“ im System zu tun haben. Diese Beispiele sind keine Best Practices, keine fertigen Geschäftsmodelle – sie sind Experimente. Sie sind noch lange nicht der „Endzustand“ des digitalen Publizierens sondern spannende Zwischenstadien.  Was sich an diesen Beispielen (verlinkt unten in den Folien des Vortrags) aber zeigt sind mögliche Zukunftsstrategien:
– Einsatz offener Programmierschnittstellen (APIs) und neuer Publishing-Tools, die für digitale Medien konzipiert wurden.
– Interdisziplinäre Zusammenarbeit in agilen Prozessen (wie im Buch „Agiles Publishing“ beschrieben).
Und – der entscheidende Punkt: Das akzeptieren des „Unfertigen“ der digitalen Medien. Wahrscheinlich ist das der zentrale Unterschied zu gedruckten Medien, die ja immer auf „Fertigstellung“ basieren. Digitale Medien sind nie fertig. Sie müssen dauernd weitentwickelt werden. Dazu braucht es einen iterativen Ansatz und die laufende Einarbeitung des Marktfeedbacks. Wenn wir dieses „Niemals fertig werden“ verstanden und in unsere Arbeitsweise verankert haben, dann sind wir bereit für den Digital-Publishing-Paradigmenwechsel.
Links zu swiss publishing days Folien + Rückblick…>>
Buch Agiles Publishing…>>
Georg Obermayr

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